{"id":395,"date":"2006-10-31T15:32:00","date_gmt":"2006-10-31T14:32:00","guid":{"rendered":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/?p=395"},"modified":"2021-01-28T11:16:25","modified_gmt":"2021-01-28T10:16:25","slug":"religion-und-psychose-sinnsuche-und-sinnstiftung-im-psychiatrischen-alltag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/religion-und-psychose-sinnsuche-und-sinnstiftung-im-psychiatrischen-alltag\/","title":{"rendered":"\u201eReligion und Psychose \u2013 Sinnsuche und Sinnstiftung im psychiatrischen Alltag\u201c"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"170\" height=\"130\" src=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-content\/uploads\/20061031_220912_Prof.-Antes-aus-Hannover.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-396\"\/><figcaption>Prof. Dr. Antes, Hannover<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Zu diesem Thema veranstaltete der Verein am 9.September 2006 im Harnack-Haus in Berlin-Dahlem eine Fachtagung, an der knapp 100 in der Psychiatrie T\u00e4tige sowie G\u00e4ste aus den Betroffenen\u2013 und Angeh\u00f6rigen- Verb\u00e4nden teilnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Religion besteht in meiner dem\u00fctigen Bewunderung einer unbegrenzten geistigen Macht, die sich selbst in den kleinsten Dingen zeigt, die wir mit unserem gebrechlichen und schwachen Verstand erfassen k\u00f6nnen. Diese tiefe, emotionelle \u00dcberzeugung von der Anwesenheit einer geistigen Intelligenz, die sich im unbegreiflichen Universum er\u00f6ffnet, bildet meine Vorstellung von Gott.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem Gedanken Albert Einsteins &#8211; niedergelegt in seinem letzten Aufsatz \u201eScience And Religion\u201c \u2013 er\u00f6ffnete die Fachtagung im traditionsreichen Harnack-Haus in Berlin-Dahlem. Im Goethesaal eben dieses Harnack-Hauses hatte Einstein seinerzeit erstmals den Gedanken seiner Relativit\u00e4tstheorie vorgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der entscheidende Impuls zur Planung und Organisation der Veranstaltung, so wurde in der Einf\u00fchrung vom Vorsitzenden des Vereins (Dr. N. M\u00f6nter) dargelegt, fand sich in der allt\u00e4glichen Auseinandersetzung mit der pers\u00f6nlichen Seite und subjektiven Sicht der Patienten, im Hinblick auf deren Glaube oder Weltanschauung und der Frage der Sinnfindung in und mit der Erkrankung.<br>Die Resonanz auf die Einladung war beeindruckend und machte leider auch Absagen aus organisatorischen Gr\u00fcnden erforderlich, gab aber den Veranstaltern Recht mit ihrer Vermutung, da\u00df diese Thematik in der fachpsychiatrischen \u00d6ffentlichkeit bislang eher zu kurz gekommen ist.<br>In der Einf\u00fchrung zur Tagung wurde darauf verwiesen, da\u00df offenkundig weder die heute so dominierend auftretende Neurobiologie mit all ihren Einblicken in die menschliche Denk- und F\u00fchlwelt und ihrem Verst\u00e4ndnis von \u201egesund\u201c und \u201ekrank\u201c noch die subtil weiterentwickelte Psychotherapie der subjektiven und damit wieder auch objektiven Wirklichkeit des Patienten gerecht werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verwobenheit von individueller Biologie und individueller Biographie, von Somatischem und Geistig-seelischem sei derart vielschichtig und komplex, da\u00df eine Psychiatrie nat\u00fcrlich reduktionistisch erscheine, wenn sie diese letztlich nur im Subjekt aufl\u00f6sbare Komplexit\u00e4t unber\u00fccksichtigt l\u00e4sst. In der objektiv nicht aufl\u00f6sbaren Verwobenheit von k\u00f6rperlich Vorgegebenem, pers\u00f6nlichem Gepr\u00e4gtsein und individueller Entscheidung finden sich auch die pers\u00f6nliche Einstellung zur Religion und das spirituelle Bed\u00fcrfnis und die subjektive Begr\u00fcndung zur Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens und Schicksals. Dabei wiesen pers\u00f6nliche Entscheidungen im philosophisch-grunds\u00e4tzlichen Sinn immer einen individuell und situativ- unterschiedlichen Grad von Freiheit auf. Und nat\u00fcrlich sei Prof. Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Institutes f\u00fcr Hirnforschung in Frankfurt und Mitglied der p\u00e4pstlichen Akademie der Wissenschaft in Rom zuzustimmen, wenn er schreibt: \u201eWenn man den Himmel leer fegt von lenkenden G\u00f6ttern, dann nimmt nat\u00fcrlich das Gef\u00fchl der Geworfenheit stark zu\u201c.<br>Mit dieser Geworfenheit des Menschen fertig zu werden, sei Herausforderung genug f\u00fcr Gesunde F\u00fcr labilisierte und psychisch erkrankte Menschen sei diese Geworfenheit allemal brutaler und verst\u00f6render. Die Suche nach Antwort und Sinn des Leidens werde existentiell, wichtig f\u00fcrs \u00dcberleben. Hier liege ein Grund f\u00fcr die gro\u00dfe Bedeutung der Religion.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"170\" height=\"130\" src=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-content\/uploads\/20061031_220912_Auditorium.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-397\"\/><figcaption>Blick ins Auditorium<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Auf diesem in der Einf\u00fchrung formulierten Hintergrund-Anspruch einer am Menschen in seiner Gesamtheit orientierten Psychiatrie, von einigen \u2013 notgedrungen &#8211; als \u201eanthropologisch\u201c bezeichneten Psychiatrie entfaltete sich ein hochspannendes Tagungsprogramm: Den historischen Aspekten, den \u201eWurzeln und Ber\u00fchrungen von Religion, Seelsorge und Psychiatrie\u201c sp\u00fcrte Prof. P. Br\u00e4unig aus unterschiedlichen Blickwinkeln nach, woran Prof. F. Reischies, der sich schon l\u00e4nger mit der Psychopathologie religi\u00f6s gepr\u00e4gter Symptomatik besch\u00e4ftigt, einen systematischen \u00dcberblick zu \u201eReligion als Ausl\u00f6ser und als Inhalt psychischer Symptomatik und Erkrankung\u201c anschloss, den er mit eindrucksvollen Bildern vorwiegend christlichen Kulturgutes unterlegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Von vielen Teilnehmern als \u201ekleine Perlen\u201c der Veranstaltung erlebt wurden die Behandlungserfahrungen aus der psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis, die von mehreren Vereinsmitgliedern jeweils als Erg\u00e4nzung zu vorausgehenden grundsatzthematischen Referaten vorgestellt wurden: den Beginn machte Dr. N. H\u00fcmbs aus der Neuk\u00f6llner sozialpsychiatrischen Schwerpunkt-Praxis, der \u00fcber die Problematik eines jungen Psychotikers mit moslemischem Vater und protestantischer Mutter berichtete; nachfolgend schilderte A. Navarro-Urena eine Behandlungssituation mit einem isoliert lebenden, stark ritualisiert in Bibelversen sich vermittelnden Patienten. Juliane Veith und Dr. Monika Dahl f\u00fchrten die Behandlungsberichte sp\u00e4ter mit jeweils spannenden besonderen Aspekten weiter (Gratwanderung zwischen Stabilisierung und Labilisierung durch Religion sowie Vatersuche in der Religion) und am Nachmittag setzte der Vortrag der muslimischen Klinik-Kollegin Hadice Ayhan mit ihrer Schilderung eines sehr auf sie bezogenen t\u00fcrkischen Patienten und seiner Familie einen ganz besonderen Akzent in Richtung migrationsgebundener Problematik.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor der Mittagspause konnten die Teilnehmer den interessanten Gedanken von Prof. H. Stoffels zur Frage \u201eHeilt Religion oder st\u00f6rt sie die psychiatrische Therapie?\u201c und der von V. von Weisz\u00e4cker formulierten These nachgehen, wonach in der modernen Psychotherapie wesentliche Momente religi\u00f6ser Seelsorge wiederkehren; so w\u00fcrde sicher auch S.Freud (\u201eReligion als Massenwahn\u201c in \u201eDas Unbehagen in der Kultur\u201c) staunen, w\u00fcrde er heute Otto Kernberg mit seiner \u00fcberaus positiven Beschreibung religi\u00f6sen Glaubens und ihrer Gemeinschaften reden h\u00f6ren.<br>Oberarzt Dr. D. Schmoll, der sich gleichfalls schon l\u00e4nger mit der Funktion von Religion bei Krankheit und Krankheitsbew\u00e4ltigung befasst, f\u00fchrte das Thema mit spezifischen Eindr\u00fccken und Untersuchungsergebnissen aus den USA fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweifelsfreier H\u00f6hepunkt der bzgl. Themenvielfalt und Referenten anspruchsvollen Tagung war der Vortrag des renommierten Religions- und Islamwissenschaftlers Prof. Dr. Dr. P. Antes von der Leibniz-Universit\u00e4t Hannover \u00fcber \u201eSeelische Erkrankung und Therapie aus Sicht nichtchristlicher Religionen\u201c: Psychische Erkrankung und die prophetische Medizin des Islam, der interkulturelle Vergleich des indischen Mystikers und von seinen Sch\u00fclern als Heiligen verehrten Ramakrishna (1886 in Indien verst.) mit der als geisteskrank eingestuften und von Prof. Janet an der Salpetri\u00e9re behandelten Madeleine Le Bouc (1921 in Frankreich verst.) sowie abschlie\u00dfend die Ausf\u00fchrungen \u00fcber k\u00f6rperliche und seelisch-geistige Krankheit im Buddhismus zogen die Zuh\u00f6rer in ihren Bann und begeisterten sowohl durch ihre inhaltliche Stringenz wie auch einen unterhaltsam-spannungsreichen Vortrag.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"170\" height=\"130\" src=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-content\/uploads\/20061031_220912_Tanz.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-398\"\/><figcaption>Flamenco<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. A. Diefenbacher berichtete nachfolgend \u00fcber die Integration religi\u00f6ser Orientierung hospitalisierter Patienten in Diagnostik- und Therapie-Programme in US-amerikanischen Kliniken und Klinik-Pfarrer B\u00f6ttler f\u00fchrte diesen Aspekt mit seinen Erfahrungen \u00fcber die \u201eSeelsorge und psychiatrische Therapie im Klinik-Alltag\u201c weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die abschlie\u00dfenden Vortr\u00e4ge l\u00f6sten sich dann vom Blick auf die Religion und befassten sich mit Grundfragen des psychiatrischen Alltags, mit der Begrenzung therapeutischen Handelns und Aspekten einer ausdr\u00fccklichen Sinnstiftung in der Behandlung. &#8222;Krankheit und Schicksal? Zum Umgang mit der Begrenztheit \u00e4rztlicher Handlungsm\u00f6glichkeiten&#8220; lautete der Vortrag von Prof. Dr. A. Heinz und er wies ausdr\u00fccklich auf die \u00e4rztlich zu akzeptierenden Therapiegrenzen hin, wie auch er Skepsis gegen\u00fcber einer allumfassenden Kausalit\u00e4tsorientierung und raschen Symptom\u2013 und Krankheitsdeutung formulierte.<br>Prof. Dr. H. Gutzmann beendete das umfangreiche, wohl etwas sehr volle Tagungsprogramm mit seinen \u00dcberlegungen zur Frage der \u201eSinnstiftung als Aufgabe psychiatrischer Therapie?\u201c. Seine Rezipierung des Konzeptes der Salutogenese von Antonowsky und dem immer wieder in therapeutischen Beziehungen wichtigen \u201eKoh\u00e4renz-Faktor\u201c, der Sinn \u00fcber die Teilmomente \u201eVerstehbarkeit\u201c, \u201eHandhabbarkeit\u201c und \u201eBedeutsamkeit\u201c induziert, lie\u00df abschlie\u00dfend die Tagung mit all ihren Vortr\u00e4gen und Diskussionen als nachhaltig \u201esinn-voll\u201c erscheinen &#8211; trotz oder auch wegen aller angesto\u00dfenen, offenen Fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit eben diesem Eindruck nahm der Tagungstag dann nach einer spirituellen Tanzauff\u00fchrung der Flamenco-K\u00fcnstler-Gruppe um Amparo di Triana bei einem gemeinsamen, am sozialpsychiatrischen Vernetzungsgedanken orientierten Abschlussessen im Liebig-Gew\u00f6lbe des Harnack-Hauses seinen Abschlu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Tagungsprogramm zum Nachlesen finden Sie <a href=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-content\/uploads\/einladung_tagung_religion_0906.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> (pdf)<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Themenband mit allen Vortr\u00e4gen erscheint im Fr\u00fchjahr 2007 im Psychiatrie-Verlag. Informationen dazu <a href=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/tagungsband-erschienen\/\" data-type=\"post\" data-id=\"405\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a><\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>(Autor: Dr. N. M\u00f6nter)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu diesem Thema veranstaltete der Verein am 9.September 2006 im Harnack-Haus in Berlin-Dahlem eine Fachtagung, an der knapp 100 in der Psychiatrie T\u00e4tige sowie G\u00e4ste aus den Betroffenen\u2013 und Angeh\u00f6rigen- Verb\u00e4nden teilnahmen. \u201eMeine Religion besteht in meiner dem\u00fctigen Bewunderung einer unbegrenzten geistigen Macht, die sich selbst in den kleinsten Dingen zeigt, die wir mit unserem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-395","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tagungsbericht"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/395","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=395"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/395\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":425,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/395\/revisions\/425"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=395"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=395"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=395"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}