{"id":367,"date":"2011-10-24T08:48:00","date_gmt":"2011-10-24T06:48:00","guid":{"rendered":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/?p=367"},"modified":"2021-01-26T11:16:21","modified_gmt":"2021-01-26T10:16:21","slug":"psychosen-psychotherapie-urania-veranstaltung-des-vpsg-zur-woche-der-seelischen-gesundheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/psychosen-psychotherapie-urania-veranstaltung-des-vpsg-zur-woche-der-seelischen-gesundheit\/","title":{"rendered":"Psychosen-Psychotherapie &#8211; Urania-Veranstaltung des vpsg zur \u201eWoche der seelischen Gesundheit\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit einer Veranstaltung am 19.10.2011 in der Berliner Urania beteiligte sich der Verein f\u00fcr Psychiatrie und seelische Gesundheit an der diesj\u00e4hrigen <strong>\u201eWoche der seelischen Gesundheit\u201c.<\/strong><br>Mehr als 80 Interessierte kamen in den Einsteinsaal, um sich in Vortr\u00e4gen \u00fcber das Thema \u201ePsychosen-Psychotherapie\u201c zu informieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr <strong>Dr. Norbert H\u00fcmbs,<\/strong> niedergelassener Nervenarzt in Neuk\u00f6lln, wies in seinem einleitenden Vortrag zun\u00e4chst auf die H\u00e4ufigkeit psychotischer Erkrankungen hin. Weltweit erleidet etwa jeder hundertste Mensch im Laufe seines Lebens eine Psychose. Daraus l\u00e4sst sich ableiten, dass in Berlin zwischen 20-40000 Menschen leben, die an einer Psychose erkrankt sind. Anschlie\u00dfend gab er einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber die h\u00e4ufigsten Verlaufsformen und ihre Symptomatik.<br>Im Hauptteil seines Referates stellte er verschiedene psychologische Verstehenszug\u00e4nge psychotischer Erkrankungen vor. So sah der schottische Psychiater Ronald Laing die Ursache f\u00fcr das Entstehung psychotischer Erkrankungen im Wesentlichen in problematischen zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen der Mensch um seine Autonomie f\u00fcrchte. Die Psychose k\u00f6nne man daher als Selbstrettungsversuch, eine Flucht in eine eigene Welt ansehen. Als Hilfe f\u00fcr die Betroffenen sah er mehr die Begleitung der Betroffenen in ihrer schwierigen Lebensphase in einer therapeutischen Gemeinschaft als eine spezielle Behandlung als hilfreich. Laing hat sich sehr f\u00fcr die Abschaffung unterdr\u00fcckender psychiatrischer Institutionen und f\u00fcr eine kritische Haltung gegen\u00fcber den Neuroleptika eingesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als zweiter Exponent der Psychosenpsychotherapie wurde Luc Ciompi vorgestellt. Der Schweizer Psychiater stellt sich die menschliche Psyche als ein flexibel reagierendes Netz von miteinander verflochtenen Gef\u00fchlseindr\u00fccken, Wahrnehmungen und Gedanken vor, das sich im Verlauf der individuellen Entwicklung bildet. Zur psychischen Erkrankung kommt es, wenn der Mensch in seiner Anpassungsf\u00e4higkeit \u00fcberfordert ist und dadurch die Balance von Wahrnehmen, F\u00fchlen, Denken aus dem Gleichgewicht ger\u00e4t.<br>Ciompi hat als Behandlungsmodell die \u201eSoteria\u201c geschaffen, einen ruhigen Ort mit einer m\u00f6glichst harmonischen Umgebung. Dort sollen Patienten von gleichbleibenenden Bezugspersonen mit m\u00f6glichst wenig Medikamenten betreut werden. Besonderen Wert legte er auf fr\u00fchzeitige Bem\u00fchungen zur Wiedereingliederung der Betroffenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ganz andere Herangehensweise findet man bei den analytischen Therapeuten. Sie sehen psychische Erkrankungen als Folge von Traumatisierungen oder ungel\u00f6sten Konflikten in der Kindheit, die im Unterbewussten fortbestehen. Stavros Menzos richtete dabei seine Aufmerk-samkeit besonders auf das Dilemma, gleichzeitig selbst\u00e4ndig und unabh\u00e4ngig und doch an andere Menschen gebunden sein zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der italienische Psychiater Benedetti wies auf den oft positiven, den Betroffenen sch\u00fctzenden Charakter der psychotischen Symptome hin.<br>Ein humanistischer Ansatz wird von Bock vertreten. Aus seiner Sicht handelt es sich bei der Psychose um eine Form allgemein-menschlicher Lebensbew\u00e4ltigung, ein r\u00fcckhaltloses Aussch\u00f6pfen menschlicher M\u00f6glichkeiten. Therapie solle helfen, das Unkonventionelle oder psychotische Elemente im normalen Leben unterzubringen.<br>Die subjektorientierte Haltung der Sozialpsychiatrie geht davon aus, dass jeder Mensch versucht sein Leben mit bestimmten Haltungsbegr\u00fcndungen und Sinnbez\u00fcgen zu bew\u00e4ltigen. Keiner schade sich absichtlich selber. Deswegen seien die Lebensf\u00fchrung und \u2013 \u00e4u\u00dferungen zu respektieren und es gelte auf partnerschaftlichem Wege gemeinsam mit dem Betroffenen nach L\u00f6sungen zu suchen.<br>Herr H\u00fcmbs betonte, dass &#8211; auch nach den Leitlinien zur Behandlung der Schizophrenie \u2013 die Psychotherapie zu jedem Zeitpunkt der Erkrankung von Bedeutung sei. In der akuten Phase steht zur Linderung der Symptomatik die medikament\u00f6se Therapie neben der f\u00fcrsorgenden Haltung des Arztes im Vordergrund. Gleichzeitig gehe es darum zu versuchen, den Sinn der psychotischen Symptomatik zu verstehen. Im weiteren Verlauf werden psychotherapeutische Behandlungselemente, zum besseren Verst\u00e4ndnis der Erkrankung und zur Vorbeugung einer erneuten krisenhaften Verschlechterung von zunehmender Wichtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Vortrag stellte <strong>Dr. Norbert M\u00f6nter,<\/strong> niedergelassener Nervenarzt und Psychoanalytiker, zun\u00e4chst den Verein f\u00fcr Psychiatrie und seelische Gesundheit vor und verwies auf ein schon im Jahr 2005 erarbeitetes <strong>Konzept zur Psychosen-Psychotherapie<\/strong>. Darin wird die Entwicklung und Anwendung eines individuell auf den Patienten und seine St\u00f6rung ausgerichteten Diagnose- und Behandlungskonzeptes gefordert. (<strong>Ausf\u00fchrliche Informationen<\/strong> dazu finden Sie <a href=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/aufbau-eines-berliner-netzwerkes-fuer-die-qualifizierte-psychotherapie-bei-psychotischen-und-uni-oder-bipolaren-erkrankungen\/\" data-type=\"post\" data-id=\"348\">hier<\/a> im Archiv)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verein f\u00fcr Psychiatrie und seelische Gesundheit beteiligt sich an einer regelm\u00e4\u00dfig stattfindenden Fortbildung in Psychosen-Psychotherapie in der Charit\u00e9 und unterst\u00fctzte die 2011 erfolgte Gr\u00fcndung eines Dachverbandes Deutsch-sprachiger Psychosenpsychotherapie. Herr Dr. M\u00f6nter wies auf die verschiedenen Formen der Psychotherapie hin und hob die Bedeutung einer langfristigen Betreuung von Patienten mit einer psychotischen Erkrankung in der Praxis der niedergelassenen Psychiater hin. Dabei komme neben einer oft erforderlichen medikament\u00f6sen Therapie der psychotherapeutischen Betreuung eine wesentliche Rolle zu.<br>Anschlie\u00dfend stellte er als eine spezielle Form der Psychosenpsychotherapie die Psychoedukation vor. Dabei handelt es sich um eine besondere Art von Gruppenbehandlung, in der zun\u00e4chst den Betroffenen Informationen \u00fcber ihre Erkrankung gegeben wird. Dabei soll das Wissen der Kranken um ihre Krankheit und damit auch ihre Mitentscheidungsf\u00e4higkeit \u00fcber Fragen der Behandlung verbessert werden. Im weiteren Verlauf der Gruppensitzungen treten dann zunehmend die Auseinandersetzung mit dem individuellen Krankheitsmodell und Fragen der Krankheitsbew\u00e4ltigung in den Vordergrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Anschluss berichtete <strong>Alicia Navarro-Urena,<\/strong> niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin in Steglitz, \u00fcber eine von ihr \u00fcber sieben Jahre durchgef\u00fchrte Gruppentherapie mit psychosekranken Patienten.<br>In den Gruppen ging es thematisch um das gegenseitige Vertrauenk\u00f6nnen, die Bedeutung der Psychose f\u00fcr das eigene Leben und den Umgang mit Krisen und erneuten Krankheitssch\u00fcben. Anschaulich und einf\u00fchlsam schilderte Frau Navarro-Urena die Chancen und Schwierigkeiten einer sich \u00fcber einen so langen Zeitraum erstreckenden therapeutischen Begleitung einer Gruppe von schwer psychisch kranken Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten Vortrag stellte <strong>Dipl.-Psych. Birgit Leifeld,<\/strong> als psychologische Psychotherapeutin in Wilmersdorf niedergelassen, das Vorgehen in der verhaltenstherapeutischen Behandlung von Patienten mit psychotischen Erkrankungen vor. Nach ihren Angaben leiden fast ein Viertel der Psychose-kranken dauerhaft unter akustischen Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Die kognitiv-behaviorale Verhaltenstherapie zielt darauf, den Patienten anzuregen, einen Zusammenhang zwischen Denken, F\u00fchlen und Handeln in Bezug auf das Symptom herzustellen, irrationale \u00dcberzeugungen und Fehlwahrnehmungen in Bezug auf das Symptom zu korrigieren und eigene Gedanken, Gef\u00fchle und Verhaltensweisen in Bezug auf das Symptom zu beobachten und zu protokollieren. Dabei nimmt der Therapeut eine unterst\u00fctzende Haltung ein bei der Suche des Patienten nach alternativen Wegen der Bew\u00e4ltigung der Symptome.<br>Als weitere therapeutische Technik stellte Frau Leifeld das Normalisieren vor, wodurch dem Patient vermittelt wird, das sich das psychotische Erleben nur graduell aber nicht prinzipiell vom Erleben anderer Menschen unterscheidet, was positiven Einfluss auf das Selbstwertgef\u00fchl hat.<br>Ausf\u00fchrlich ging sie auf Copingstrategien im Hinblick auf halluzinatorische Symptome ein und nannte mehrere alternative Umgangsm\u00f6glichkeiten wie kognitive und Verhaltens-strategien und die sensorische Stimulation. Dagegen erfolgt in Fokussierungsstrategien eine gestufte Konfrontation mit Inhalt und Bedeutung und den eigenen Assoziationen in Bezug auf die Stimmen.<br>In der weiteren Arbeit an der Metakognition werden die Bedeutungen der akustischen Halluzinationen hinterfragt und mittels des sokratischen Dialoges umstrukturiert. Im Umgang mit Wahnsymptomen werden der Inhalt und die Umst\u00e4nde der Wahnentwicklung erfasst und durch Erarbeiten alternativer Erkl\u00e4rungsmodelle eine kognitive Umstrukturierung angestrebt. Untersuchungen zur Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie zeigten, dass bei etwa 50 % der Patienten eine Besserung erreicht werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Anschluss an die Vortr\u00e4ge entwickelte sich noch eine lebhafte Diskussion, die gepr\u00e4gt war von pers\u00f6nlichen Erfahrungen der Teilnehmer und in der das gro\u00dfe Bed\u00fcrfnis nach einer Erg\u00e4nzung der oft unumg\u00e4nglichen medikament\u00f6sen Behandlung durch psychotherapeutische Unterst\u00fctzung sowohl f\u00fcr die Betroffenen wie auch f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen zum Ausdruck kam.<\/p>\n\n\n\n<p>(Autor: Dr. Norbert H\u00fcmbs)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einer Veranstaltung am 19.10.2011 in der Berliner Urania beteiligte sich der Verein f\u00fcr Psychiatrie und seelische Gesundheit an der diesj\u00e4hrigen \u201eWoche der seelischen Gesundheit\u201c.Mehr als 80 Interessierte kamen in den Einsteinsaal, um sich in Vortr\u00e4gen \u00fcber das Thema \u201ePsychosen-Psychotherapie\u201c zu informieren. Herr Dr. Norbert H\u00fcmbs, niedergelassener Nervenarzt in Neuk\u00f6lln, wies in seinem einleitenden Vortrag [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-367","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-veranstaltungsbericht"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=367"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":368,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367\/revisions\/368"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=367"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=367"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=367"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}