{"id":362,"date":"2011-11-24T08:39:00","date_gmt":"2011-11-24T07:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/?p=362"},"modified":"2021-01-22T08:44:52","modified_gmt":"2021-01-22T07:44:52","slug":"3-berliner-psychiatrisch-religionswissenschaftliche-colloqiumv","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/3-berliner-psychiatrisch-religionswissenschaftliche-colloqiumv\/","title":{"rendered":"3. Berliner psychiatrisch-religionswissenschaftliche Colloqium"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 16.11.2011 fand in den R\u00e4umen des Berliner Instituts f\u00fcr Religionswissenschaft zum Thema <strong>\u201eGute M\u00e4chte, b\u00f6se M\u00e4chte und Besessenheit\u201c<\/strong> das 3. Berliner psychiatrisch- religionswissenschaftliche Colloquium statt. Die Veranstaltung geht auf eine Initiative des Vereins f\u00fcr Psychiatrie und seelische Gesundheit zur\u00fcck und wird einmal j\u00e4hrlich in Kooperation mit der Klinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie der Charit\u00e9 Campus Mitte und dem Institut f\u00fcr Religionswissenschaft der Freien Universit\u00e4t durchgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Herr Dr. M\u00f6nter<\/strong>, der Vorsitzende des Vereins ging in seiner Begr\u00fc\u00dfung kurz auf die Geschichte des psychiatrisch-religionswissenschaftlichen Colloquiums ein, dessen erste Veranstaltung im Jahr 2006 im Harnack-Haus stattfand. Daraus entstand ein Arbeitskreis, der es sich zum Ziel gemacht hat, professionell im Bereich der Psychiatrie T\u00e4tige in religi\u00f6sen Fragen kundiger zu machen und \u2013 in anderer Richtung &#8211; psychiatrisches Wissen in die Kirchengemeinden zu bringen und damit gr\u00f6\u00dfere Toleranz gegen\u00fcber psychisch Kranken zu erm\u00f6glichen.<br>Zum Thema der heutigen Veranstaltung betonte Herr M\u00f6nter die Bedeutung, die sch\u00fctzende und destruktive Kr\u00e4fte in den inneren Bildern des Menschen spielen. Geister und Engel seien Ausdruck archaischer Bed\u00fcrfnisse im Menschen und in vielen Religionen und Kulturen zu finden.<br>Er erinnerte besonders an die tr\u00f6stende Kraft der guten inneren Bilder, wie sie z.B. in der Gedichtzeile von Dietrich Bonhoeffer zum Ausdruck kommt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVon guten M\u00e4chten treu und still umgeben<br>beh\u00fctet und getr\u00f6stet wunderbar \u2026.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Oder wie es im Volkslied hei\u00dft:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAbends wenn ich schlafen geh<br>vierzehn Engel um mich stehn<br>\u2026<br>zwei, die mich decken<br>zwei, die mich wecken\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Prof. Sebastian Murken<br>Im folgenden Hauptvortrag besch\u00e4ftigte sich <strong>Sebastian Murken<\/strong>, Professor f\u00fcr Religionswissenschaft und psychologischer Psychotherapeut an der Psychosomatischen Fachklinik Bad Kreuznach mit der Bedeutung der Engel als Vertreter der guten M\u00e4chte. Engel haben urspr\u00fcnglich die Stellung von Mittlerwesen eingenommen, um den Abstand zwischen Gott und den Menschen zu verringern. In den letzten Jahren haben sich die Engel zunehmend verselbst\u00e4ndigt und eine dar\u00fcber hinausgehende Bedeutung erlangt.<br>Nach einer Umfrage glauben in Deutschland 66% der Menschen an die Existenz von Schutzengeln, aber nur 63% an die Existenz Gottes. Dabei haben die Engel vielf\u00e4ltige Funktionen: sie gew\u00e4hren Schutz, Hilfe, Heilung, Sinn, Liebe, Trost und Selbstwert-St\u00e4rkung. Die Engelsvorstellung wird dabei funktionalisiert im Sinne eines individuellen spirituellen Konzeptes zur Lebenshilfe. Als Ursache dieses gewachsenen Bed\u00fcrfnisses nach Unterst\u00fctzung sieht Professor Murken die gesellschaftliche Ver\u00e4nderung in Richtung einer \u201eWahlgesellschaft\u201c, wo der Einzelne st\u00e4ndig gefordert sei, aus dem gro\u00dfen Angebot der Lebensm\u00f6glichkeiten das f\u00fcr ihn Passende zu w\u00e4hlen. Engel sind auf Grund ihrer Polyplastizit\u00e4t besonders geeignet, einen je pers\u00f6nlichen Zuschnitt als \u201eindividueller\u201c Schutzengel zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"170\" height=\"130\" src=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-content\/uploads\/20111218_211739_Prof-Murken.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-363\"\/><figcaption>Prof. Sebastian Murken<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Professor Murken wies auf die umfangreiche Literatur zum Thema Engel und auf eine monatlich erscheinende Zeitschrift zu diesem Thema hin. Die Leserschaft \u2013 und die Besucher von entsprechenden Kongressen &#8211; setzen sich \u00fcberwiegend aus Frauen zusammen. W\u00e4hrend der christliche Glaube eher m\u00e4nnlich gepr\u00e4gt sei, biete der Engelsglaube mehr weibliche Identifikationsm\u00f6glichkeiten und sei ein Frauenph\u00e4nomen. In psychologischer Hinsicht wirke der Engelsglaube als Selbsterm\u00e4chtigung. Er suggeriere, dass fast alles m\u00f6glich und erreichbar ist.<br>Der Engel erscheint als Dienstleister des Menschen auf dem Weg zur Wunscherf\u00fcllung. Damit ist der Forderungscharakter der Religion an die eigene Lebensf\u00fchrung eliminiert. Die Engel haben sich von Gott, von der Religion gel\u00f6st. Es scheint, als werde Gott nicht mehr gebraucht. Allerdings ergibt sich der Kontakt zu den Engeln meist nicht von alleine, sondern es bedarf bestimmter Rituale, um die Engel zu sp\u00fcren und Kontakt zu ihnen herzustellen. Dazu werden in der Engelsliteratur viele Beispiele und Hinweise gegeben. Aus dem Bestreben, die N\u00e4he der Engel zu erlangen, k\u00f6nnen unangemessene Umdeutungen der Realit\u00e4t entstehen \u2013 mit \u00dcberg\u00e4ngen zur Besessenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend hob Professor Murken hervor:<br>Engelskonzepte mit Engeln als gute Geister erf\u00fcllen bestimmte Bed\u00fcrfnisse, die durch psychologische und sozio-kulturelle Umst\u00e4nde gepr\u00e4gt sind<br>Dabei liegt die Betonung stark auf positiven Elementen wie Licht und Liebe.<br>Das Dunkle und B\u00f6se ist ausgespart quasi abgespalten.<br>Die Engelskonzepte bringen benennbaren Gewinn und Risiken\/ Kosten f\u00fcr den Einzelnen und die Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"170\" height=\"130\" src=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-content\/uploads\/20111218_211739_Dr-Rapp.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-364\"\/><figcaption>Dr. Michael Rapp<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Im klinisch orientierten Teil der Veranstaltung referierte <strong>Dr. Michael Rapp<\/strong> \u00fcber die Psychopathologie, Psychodynamik und Therapie von \u201eBesessenheit\u201c. Herr Rapp arbeitet als Privatdozent in der Klinik f\u00fcr Psychiatrie der Charit\u00e9 und besch\u00e4ftigt sich besonders mit interkulturellen Aspekten der Psychiatrie. Rapp nahm f\u00fcr seine \u00dcberlegungen das Rassenmodell Blumenbachs und die Degenerationstheorie Morels als Ausgangspunkt. Darin wird eine Entwicklung ausgehend von gesteigerter Nervosit\u00e4t \u00fcber psychische Erkrankungen bis zur geistigen Behinderung aufgezeigt.<br>Eine vergleichbare Rangordnung wurde f\u00fcr psychotische Symptome aufgestellt, die nach dem Grad der Differenziertheit in einer Rangfolge von positiver zu negativer Symptomatik geordnet werden k\u00f6nnen. Herr Rapp berichtete \u00fcber Untersuchungen aus Afrika, die ergaben, dass sich die klassischen Erstrang-Symptome der Schizophrenie eher bei verwestlichten Afrikanern fanden, w\u00e4hrend ansonsten eher eine polymorphe Symptomatik im Vordergrund stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den von ihm vorgestellten Fallvignetten wurde ersichtlich, wie notwendig Kenntnisse \u00fcber kulturelle und religi\u00f6se Einstellungen und Gebr\u00e4uche von Patienten aus anderen Kulturen sind. Nur auf dem Hintergrund eines entsprechenden kulturellen Wissens kann verstanden werden, ob es sich bei dem Betroffenen um ein psychotisches Geschehen oder um ein aus dem sozialen und Vorstellungskontext heraus erkl\u00e4rbares Erleben und Verhalten handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im dritten Vortrag beleuchtete <strong>Dr. Andreas Reich<\/strong> die Thematik aus dem \u201eseelsorgerischen Blickwinkel\u201c. Herr Reich ist Pfarrer im Evangelischen Krankenhaus Elisabeth Herzberge und dort u.a. zust\u00e4ndig f\u00fcr die Abteilung Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Aus theologischer Sicht wird Besessenheit als innere Besitzergreifung eines Menschen durch eine fremde Pers\u00f6nlichkeit, einen Gott, einen Geist oder eine Kraft unter Ausschaltung der Eigent\u00e4tigkeit eines Menschen (Chr. Daxelm\u00fcller) angesehen und oft teuflischen Geistwesen zugeschrieben. Im Exorzismus wird versucht, die die Besessenheit verursachenden Teufel oder D\u00e4monen durch Beschw\u00f6rungsformeln oder Befehle auszutreiben.<br>Die verschiedenen Rituale der Teufelsaustreibungen wurden 1614 im Rituale Romanum vereinheitlicht. 1999 wurde das Rituale Romanum \u00fcberarbeitet und um Formeln erg\u00e4nzt, die sich an Gott richten mit der Bitte um Befreiung von b\u00f6sen Geistern und nicht ausschlie\u00dflich an den D\u00e4mon selbst.<br>Seine eigene berufliche T\u00e4tigkeit als Krankenhauspfarrer definierte Dr. Reich als Begleitung von Menschen in Krisensituationen mit dem Angebot zur Lebensdeutung im Verst\u00e4ndnis des christlichen Glaubens. \u201eWerkzeuge\u201c dabei sind pastoralpsychologische Kenntnisse und die grundlegenden Haltungen des seelsorglichen Gespr\u00e4chs wie Wertsch\u00e4tzung, Annahme des Gegen\u00fcbers und Einf\u00fchlung. Der Mensch wird dabei als eingebunden in die gr\u00f6\u00dferen sozialen Systeme der Familie, der Nachbarschaft, des Stadtteils, des jeweiligen Milieus, des beruflichen Umfelds und der Gesellschaft gesehen. In der Begegnung mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis komme es in besonderer Weise darauf an, nicht nur das Eigene, das Bekannte wahrzunehmen, sondern auch das Fremde.<br>In der Begegnung mit \u201eBesessenen\u201c gehe es aus seelsorgerischer Sicht zun\u00e4chst darum, mehr von ihrer aktuellen Lebenssituation und der Bedeutung ihrer religi\u00f6sen Vorstellungen zu erfahren.<br>Der Seelsorger k\u00f6nne als Verst\u00e4ndnisangebote biblische Geschichten mit einer \u00e4hnlichen Thematik einbringen. Er wird gemeinsam mit dem Betroffenen nach Schritten der Bew\u00e4ltigung suchen. Daneben werden Rituale \u2013 falls gew\u00fcnscht \u2013 im Sinne eines Gebets (als F\u00fcrbitte) oder einer Segnung (besonders bei Depressiven) als hilfreich angesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der anschlie\u00dfenden von <strong>Prof. Friedel Reischies<\/strong>, \u00c4rztlicher Direktor der Friedrich von Bodelschwingh Klinik, geleiteten Diskussion wurden noch einmal die positiven psychologischen Wirkungen der Engelsvorstellungen \u2013 u.a. aus der Sicht einer \u201eErfahrenen\u201c hervorgehoben. Deutlich wurde zudem, wie viel schwieriger sich der Umgang mit und die psychiatrische Einsch\u00e4tzung von Besessenen im eigenen Kulturbereich darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diskussion wurde nach Abschluss der offiziellen Veranstaltung bei einem kleinen Imbiss im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch fortgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>(Autor: Dr. Norbert H\u00fcmbs)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 16.11.2011 fand in den R\u00e4umen des Berliner Instituts f\u00fcr Religionswissenschaft zum Thema \u201eGute M\u00e4chte, b\u00f6se M\u00e4chte und Besessenheit\u201c das 3. Berliner psychiatrisch- religionswissenschaftliche Colloquium statt. Die Veranstaltung geht auf eine Initiative des Vereins f\u00fcr Psychiatrie und seelische Gesundheit zur\u00fcck und wird einmal j\u00e4hrlich in Kooperation mit der Klinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie der Charit\u00e9 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-362","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bericht"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/362","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=362"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/362\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":366,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/362\/revisions\/366"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=362"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=362"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=362"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}