{"id":294,"date":"2015-11-27T16:16:00","date_gmt":"2015-11-27T15:16:00","guid":{"rendered":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/?p=294"},"modified":"2021-01-20T16:18:07","modified_gmt":"2021-01-20T15:18:07","slug":"7-berliner-psychiatrisch-religionswissenschaftliche-colloquium","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/7-berliner-psychiatrisch-religionswissenschaftliche-colloquium\/","title":{"rendered":"7. Berliner psychiatrisch-religionswissenschaftliche Colloquium"},"content":{"rendered":"\n<p>Am Mittwoch dem 18.11.2015 fand das 7. Berliner psychiatrisch-religionswissenschaftliche Colloquium des AK \u201eReligion und Psychiatrie\u201c des Vereins f\u00fcr Psychiatrie und seelische Gesundheit statt \u2013 erstmals im Gro\u00dfen H\u00f6rsaal der Holzlaube der Freien Universit\u00e4t.<br>Das Thema <strong>\u201eReligi\u00f6se Orientierung in der Adoleszenz &#8211; Gefahr und Ressource psychischer Stabilit\u00e4t\u201c<\/strong> fand offenkundig gro\u00dfe Resonanz; knapp 80 Teilnehmer kamen in den architektonisch interessanten Neubau der FU am Rudi Dutschke-Weg.<br>Herr Dr. M\u00f6nter begr\u00fc\u00dfte die Teilnehmer, skizzierte Hintergrund und Aufgabenstellung des Colloquiums und f\u00fchrte auch in das Thema der der Veranstaltung ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erster Referent sprach dann <strong>Prof. Dr. Gunther Klosinski,<\/strong> Kinder- und Jugendpsychiater aus T\u00fcbingen zum Thema \u201e Psychologische und psychiatrische Hintergr\u00fcnde religi\u00f6ser Konversion und \u00dcber-Identifizierung\u201c. Dabei ging er zun\u00e4chst auf zur\u00fcckliegende Beispiele der Attraktivit\u00e4t von sektenartigen Bewegungen ein und verkn\u00fcpfte dieses Ph\u00e4nomen mit der aktuellen Frage, was macht es f\u00fcr bestimmte Jugendliche derzeit so attraktiv, sich einer Gruppierung wie dem IS anzuschlie\u00dfen.<br>Nach seiner Auffassung entspricht die Hinwendung zur radikalen Religionsvorstellung des IS in wesentlichen Punkten einer religi\u00f6sen Konversion.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu stellte er <strong>6 Thesen<\/strong> zu den psychologischen und soziologischen Ursachen auf:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>als pr\u00e4disponierende Faktoren liegen oft psychische Konfliktsituationen vor wie Identit\u00e4tskrisen oder Stress in den pers\u00f6nlichen Lebensumst\u00e4nden, die durch die Konversion eine gewisse L\u00f6sung erfahren.<\/li><li>von wesentlicher Bedeutung ist der Kontakt oder der Aufbau pers\u00f6nlicher Beziehungen zu Sektenmitgliedern, besonders bei starker pers\u00f6nlicher Angewiesenheit auf Bindung.<\/li><li>obwohl eine Konversion psychodynamisch eine Regression bedeuten kann, kann sie gleichzeitig in progressiver Weise zu einer Stabilisierung und einer inneren Integration f\u00fchren.<\/li><li>der F\u00fchrer verk\u00f6rpert ein rettendes Prinzip, eine Ideologie, ein Programm und man wird Mitglied einer rettenden Familie. Dazu kommen der Wunsch nach Selbstverwirklichung und das Gef\u00fchl gebraucht zu werden.<\/li><li>Sekten stellen in geschickter Weise spezifische Angebote zu Verf\u00fcgung f\u00fcr Menschen mit einer entsprechenden Pers\u00f6nlichkeitsstruktur und in einer der typischen Konfliktsituationen.<\/li><li>mystische oder dissoziative Erlebniszust\u00e4nde fallen oft mit der Konversionserfahrung zusammen und vermitteln ein intensives Gef\u00fchl von Evidenz. Aus einem Suchenden wird jemand, der gefunden hat.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Im Anschluss an den Vortrag berichtete <strong>Frau Pinar Cetin<\/strong> aus dem Vorstand der Sehitlik-Moschee-Gemeinde \u00fcber ihre Arbeit in der Bahira-Beratungsstelle gegen Extremismus. Sie ber\u00e4t und betreut dort Angeh\u00f6rige radikalisierter Jugendlicher und aus Syrien heimkehrende Dschihadisten.<br>Sie stellte zun\u00e4chst fest, dass es sich um eine inhomogene Gruppe handelt, die aber bestimmte Gemeinsamkeiten aufweist wie geringe famili\u00e4re und soziale Integration, wenig Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft, eine unsichere soziale und religi\u00f6se Identit\u00e4t; oftmals fehle ein Vater oder es finde sich ein sehr autorit\u00e4rer Vater.<br>Aus vielen Entt\u00e4uschungserfahrungen entstehen dabei eine negative Einstellung gegen\u00fcber Schule und Demokratie und gewaltaffine Haltungen mit ausdr\u00fccklicher Legitimierung von Gewalt. So erleben sich moslimische Jugendliche als Au\u00dfenseiter und f\u00fchlen sich von radikalen Gruppen angesprochen, verstanden und aufgenommen, die ebenfalls Au\u00dfenseiter sind. Hier erleben sie Geborgenheit, haben das Gef\u00fchl an einer Aufgabe \u2013 der Durchsetzung von wahrer Gerechtigkeit &#8211; teilzunehmen, was ihnen ein Gef\u00fchl von pers\u00f6nlicher Bedeutung verleiht. Dort finden sie eine klare Orientierung und treffen auf charismatische F\u00fchrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Arbeit ist zu hinterfragen, was der pers\u00f6nliche Ausl\u00f6ser einer solchen Entwicklung ist. Oft handelt es sich um Abl\u00f6sungsprozesse in der Pubert\u00e4t oder Auflehnung gegen das Elternhaus besonders den Vater.<br>Die Radikalisierung erfolge eher selten \u00fcber die Moschee, eher \u00fcber die Gleichaltrigengruppe, \u00fcber Jugendclubs, das Fitness Studio oder w\u00e4hrend eines Gef\u00e4ngnisaufenthaltes. Bei M\u00e4dchen finde die Radikalisierung eher leiser und unauff\u00e4lliger statt, meist \u00fcber das Internet.<br>Die Arbeit in der Beratungsstelle erfolgt auf verschiedenen Ebenen: Besch\u00e4ftigung mit der eigenen Biographie, Einbezug der Familien als letzter Anker zur normalen Welt, aber auch in Form einer Auseinandersetzung \u00fcber Koraninhalte. Es geht darum, Toleranz gegen\u00fcber Andersdenkenden zu wecken und Unsicherheiten im eigenen Standpunkt ertragen zu lernen. Wichtig sind neue Beziehungen zu finden und eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln, wozu Schule und Ausbildung geh\u00f6ren k\u00f6nnen. Auch die Mitgliedschaft in Sportvereinen kann zu wichtigen Erfolgserlebnissen verhelfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als letzter Vortragende sprach <strong>Dr. Helmuth Jansen,<\/strong> Jugendseelsorger, Geistlicher Leiter im Vorstand des BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend) \u00fcber \u201e Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Selbstorganisation als Kriterien einer pro-vokativen Jugendseelsorge\u201c.<br>Er zitierte den Bibelvers (Joh 5,6) \u201eSteh auf, nimm deine Bahre und geh nach Hause\u201c, in dem auf die Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen verwiesen werde. Die freie und nicht manipulativ indoktrinierte Entscheidung des Jugendlichen wird als Zielvorstellung formuliert.<br>In der anschlie\u00dfenden von Dr. Hans Willner, Chefarzt, FA f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, St. Joseph-Krankenhaus Berlin Tempelhof, geleiteten Diskussion wurde auf die h\u00e4ufig stattgefundenen Traumatisierungen muslimischer Jugendlicher und die damit verbunden psychischen Folgen hingewiesen. Viele der aus den Kriegsgebieten stammenden Kinder und Jugendlichen werden zuk\u00fcnftig psychiatrischer und psychotherapeutischer Hilfe bed\u00fcrfen, um die dort gemachten Erfahrungen bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen.<br>Zum Abschluss stellten Herr Dr. M\u00f6nter und Frau Hadice Ayhan das von der Lotto-Stiftung Berlin finanzierte VPsG-Beratungsprojekt \u201ePsychiatrie-Info- und Beratung im religi\u00f6s- gemeindlichen Kontext\u201c vor, das im Januar 2016 in der Shehitlik \u2013 Moschee beginnen wird. Im Verlauf der folgenden Monate wird das Projekt auf andere Gemeinden ausgeweitet.<br>Das Colloquium fand seinen gewohnten, diesmal besonders lange und intensiv gef\u00fchrten Austausch beim abschlie\u00dfenden kleinen Imbiss.<\/p>\n\n\n\n<p>(Autor: Dr. Norbert H\u00fcmbs)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Mittwoch dem 18.11.2015 fand das 7. 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