{"id":251,"date":"2017-12-01T15:11:00","date_gmt":"2017-12-01T14:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/?p=251"},"modified":"2021-01-19T15:23:12","modified_gmt":"2021-01-19T14:23:12","slug":"9-berliner-psychiatrisch-religionswissenschaftlichen-colloquium-des-vpsg-am-22-11-2017","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/9-berliner-psychiatrisch-religionswissenschaftlichen-colloquium-des-vpsg-am-22-11-2017\/","title":{"rendered":"9. Berliner psychiatrisch-religionswissen-<wbr>schaftlichen Colloquium des vpsg am 22.11.2017"},"content":{"rendered":"\n<p>Soviel Teilnehmer hatte das seit 2009 regelm\u00e4\u00dfig im November stattfindende psychiatrisch-religionswissenschaftliche Colloquium noch nicht erlebt: \u00fcber 110 Teilnehmer waren der Einladung zum Thema <strong>&#8222;Au\u00dfergew\u00f6hnliche psychische Zust\u00e4nde und religi\u00f6s fundierte Heilmethoden in vormodernen Kulturen und in der aktuellen Psychiatrie&#8220;<\/strong> in die Holzlaube der FU Berlin gefolgt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Norbert M\u00f6nter<\/strong> vom Verein f\u00fcr Psychiatrie und seelische Gesundheit e.V vermutete in seiner Begr\u00fc\u00dfung und kurzen Einf\u00fchrung als Grund neben den renommierten Referenten vor allem die herausfordernde Thematik des Colloquiums im Grenzbereich der modernen Psychiatrie. Dabei seien bei genauerer Betrachtung \u201eau\u00dfergew\u00f6hnliche psychische Zust\u00e4nde\u201c wie auch \u201ereligi\u00f6s fundierte Heilmethoden\u201c Themen des psychiatrischen Alltags und das nicht nur im Kontext einer wachsend durch Migration aus z.T. vorindustriellen L\u00e4ndern gepr\u00e4gten Gesellschaft.<br>Es gehe hintergr\u00fcndig um die weitergehende medizinisch-psychologisch-anthropologischen Frage, wieviel Ritual, wieviel Suggestion, wieviel Magie oder Beschw\u00f6rung (oder gar Schamanismus) der Mensch brauche resp. suche, insbesondere wenn er krank werde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Susanne G\u00f6dde<\/strong> ging als Leiterin des Religionswissenschaftlichen Institutes, welches die Ausrichtung des Colloquiums in der FU erneut erm\u00f6glichte, auf die Frage ekstatischer Zust\u00e4nde ein, wie sie sich mit dem Dionysioskult der Antike verbinden und zeichnete damit den direkten Weg in die nachfolgenden Vortragsthemen auf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Hartmut Zinser<\/strong>, langj\u00e4hrig pr\u00e4gend am Religionswissenschaftlichen Institut der FU t\u00e4tig, schilderte in seinem Vortrag <strong>\u201eEkstase, Besessenheit, Trance \u2013 Zur Faszination an ekstatischen Kulten in der Moderne\u201c<\/strong> die \u00fcbereinstimmenden Merkmale schamanistischer Seancen, wie Zust\u00e4nde der Trance oder Besessenheit herbeigef\u00fchrt werden, dass Drogen eine Rolle spielen k\u00f6nnen, aber nicht per se dazugeh\u00f6ren. In dem auch mit Eindr\u00fccken eigener Feldforschung in entsprechenden Veranstaltungen gespickten, wissenschaftlich aufbereiteten und spannenden Vortrag unterstrich Zinser dann den Unterschied der jeweiligen gesellschaftlichen resp. auch motivationalen Hintergr\u00fcnde schamanistischer Rituale und der dadurch ausgel\u00f6sten \u201ealtered states of consciousness\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Schamanismus wurde seit der russischen Eroberung Sibiriens beobachtet und dar\u00fcber auch berichtet. Seit ca. 100 Jahren wird der Begriff auf zahlreiche Ekstase- und Besessenheitskulte aus fast allen Regionen der Welt verallgemeinert. Zinser wies vor allem auf die Unterschiede zwischen dem traditionellen Schamanismus mitsamt dem dazugeh\u00f6rigen gesellschaftlichen Krankheitsverst\u00e4ndnis und den Gegebenheiten des Neo-Schamanismus hin.<br>So war in Sibirien eine Ekstase vor allem den Schamanen zug\u00e4nglich, in den modernen Kultveranstaltungen soll sie von allen erlangt werden k\u00f6nnen. W\u00e4hrend im sibirischen Schamanismus eine Geisterbesessenheit eher gef\u00fcrchtet wird, werden ekstatische Zust\u00e4nde im Neo-Schamanismus von den Beteiligten gesucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zinser, Mitglied der seinerzeitigen Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zu &#8222;Sogenannten Sekten und Psychogruppen\u201c, machte deutlich, dass die Teilnehmer moderner schamanistischer Veranstaltungen in der Ekstase dem Alltag entrinnen und einen Zugang zu einer Transzendenz erlangen wollen. Von Heilung sei zwar durchaus auch die Rede und werde in den Ank\u00fcndigungen versprochen, aber dabei gehe es nicht um bestimmbare Krankheiten, sondern eher eine allgemeine Heilung der Natur und des Umgangs mit der Natur und des Menschen mit sich selber. Nur sehr kurz konnte Zinser auf religi\u00f6se Interpretationen von ver\u00e4nderten psychischen Zust\u00e4nden eingehen. Hier bleibt nichts, als auf seine bekannten Ver\u00f6ffentlichungen hinzuweisen (Der Markt der Religionen 1997, Glaube und Aberglaube in der Medizin 2000, Esoterik 2009).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die nachfolgenden Vortr\u00e4ge von <strong>Prof. Hans Jorg Assion<\/strong> aus der LWL-Klinik in Dortmund \u00fcber die <strong>\u201eHeutige Bedeutung traditioneller Heilvorstellungen in islamisch gepr\u00e4gten Kulturen\u201c<\/strong> und von <strong>Prof . Samuel Pfeifer<\/strong> aus Basel zum Thema <strong>\u201eReligionssensibler therapeutischer Umgang mit D\u00e4monenglaube und Okkultismus\u201c<\/strong> fanden gespanntes Interesse.<\/p>\n\n\n\n<p>Von beiden Referenten liegen die <strong>Vortragsfolien<\/strong> vor, so dass auf n\u00e4here Ausf\u00fchrungen verzichtet wird:<br><strong>Vortrag Prof. Assion<\/strong> <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-content\/uploads\/2017_11_22_Heilvorstellung_islam._Kulturen.pdf\" target=\"_blank\">hier<\/a> und <strong>Vortrag Prof. Pfeifer<\/strong> <a href=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-content\/uploads\/2017_11_22_Relig_sensib_daemonische-Interpretation_Berlin.pptx\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>.<br>Zum Vortrag von Prof. Pfeifer wird dar\u00fcber hinaus auch auf dessen sehr instruktive <strong>Homepage<\/strong> <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.seminare-ps.net\/\" target=\"_blank\">hier<\/a> verwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frau Elif Alkan<\/strong> vom Verein f\u00fcr Psychiatrie und seelische Gesundheit stellte dann noch die <strong>Zwischenergebnisse des PIRA-Projektes<\/strong> mit den Beratungszahlen, den Diagnosen und Problemstellungen sowie den geleisteten Hilfestellungen vor.<br>(Wir berichteten \u00fcber die <strong>PIRA-Auftaktveranstaltung<\/strong> am 26.1.2016 in der \u015eehitlik-Moschee <a href=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/auftaktinformationsveranstaltung-in-der-sehitlik-moschee-zum-start-des-vpsg-projekts-pira\/\" data-type=\"post\" data-id=\"197\">hier<\/a>)<br>Es sind eine t\u00fcrkische und bislang 3 arabische Moscheen einbezogen. Hierzu wird demn\u00e4chst umfangreicher informiert werden. Frau Alkan hatte die Ergebnisse auch bereits auf einem Poster des Weltkongresses f\u00fcr Psychiatrie im Oktober vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die das Colloquium abschlie\u00dfende Diskussion unter der Moderation von Frau Prof. Christine Funk war trotz der schon langen Veranstaltungsdauer ausgesprochen lebhaft und fand auch noch intensiven Nach- und Ausklang bei Wasser, Wein und wieder lukullischen Angeboten der \u201eE\u00dfkultur\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <strong>Einladung<\/strong> mit dem Programm des Colloqiums finden Sie <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-content\/uploads\/2017_Einladung_vpsg_22112017.pdf\" target=\"_blank\">hier<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>PIRA Projekt-Flyer<\/strong> zum Download finden Sie<br><a href=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-content\/uploads\/2016_PIRA-Flyer_tuer.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> (deutsch\/t\u00fcrkisch)<br><a href=\"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/wp-content\/uploads\/2016_PIRA_Flyer_arabisch.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> (deutsch\/arabisch)<\/p>\n\n\n\n<p>(Autor: Dr. N. M\u00f6nter)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soviel Teilnehmer hatte das seit 2009 regelm\u00e4\u00dfig im November stattfindende psychiatrisch-religionswissenschaftliche Colloquium noch nicht erlebt: \u00fcber 110 Teilnehmer waren der Einladung zum Thema &#8222;Au\u00dfergew\u00f6hnliche psychische Zust\u00e4nde und religi\u00f6s fundierte Heilmethoden in vormodernen Kulturen und in der aktuellen Psychiatrie&#8220; in die Holzlaube der FU Berlin gefolgt. 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