{"id":1103,"date":"2021-12-15T10:09:00","date_gmt":"2021-12-15T09:09:00","guid":{"rendered":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/?p=1103"},"modified":"2025-01-28T23:18:18","modified_gmt":"2025-01-28T22:18:18","slug":"religioese-rituale-religioese-musik-und-ihre-psychotherapeutische-wirkung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/psychiatrie-in-berlin.de\/vpsg\/religioese-rituale-religioese-musik-und-ihre-psychotherapeutische-wirkung\/","title":{"rendered":"Religi\u00f6se Rituale, religi\u00f6se Musik und ihre psychotherapeutische Wirkung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Bericht vom 12. Berliner Psychiatrisch-religionswissenschaftliche Colloquium<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 17.11.2021 veranstaltete der <strong>Arbeitskreis Psychiatrie &amp; Religion<\/strong> des Vereins f\u00fcr Psychiatrie und seelische Gesundheit (vpsg) nun schon zum 12. Mal das Berliner psychiatrisch-religionswissenschaftliche Colloquium. <br>Wie in den Vorjahren fand das Colloquium in Kooperation mit der Klinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie der Charit\u00e9 CM und dem Religionswissenschaftlichen Institut der Freien Universit\u00e4t wieder im gro\u00dfen H\u00f6rsaal der Freien Universit\u00e4t Berlin statt. Der Arbeitskreis Psychiatrie &amp; Religion f\u00fchrt Psychiatrie-Professionelle aus Praxis und Wissenschaft (auch aus der Seelsorge) wie Betroffene und Angeh\u00f6rige psychisch Erkrankter und auch Religionswissenschaftler unter der Vorgabe eines \u201ePolyloges\u201c zusammen. Eine religions\u00fcbergreifende, wechselseitig wertsch\u00e4tzende Themen- und Problembearbeitung bildet die Basis der Zusammenarbeit.<br>Zielsetzung des AK Psychiatrie &amp; Religion ist es, die Sensibilisierung und Kundigmachung der \u201ePsycho-Professionellen und eine religions- und kultursensible psychiatrische Behandlung auf allen Versorgungsebenen zu bef\u00f6rdern. Ressourcen und Gefahren, wie sie mit individueller religi\u00f6ser Orientierung verkn\u00fcpft sind, soll fachkundig diskutiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das j\u00e4hrliche Berliner Psychiatrisch-religionswissenschaftliche Colloquium thematisierte bislang u.a. \u00dcberschneidungsbereiche von Religion und Psychiatrie\/ Psychotherapie wie z.B.                                                           <\/p>\n\n\n\n<p><strong>&gt; \u201eSeelische Gesundheit aus der Perspektive der Psychiatrie in einer Zeit transkultureller Globalisierung\u201c<\/strong><br><strong>&gt; \u201eAu\u00dfergew\u00f6hnliche psychische Zust\u00e4nde und religi\u00f6s fundierte Heilmethoden in vormodernen Kulturen und in der aktuellen Psychiatrie\u201c<br>&gt; \u201eReligi\u00f6se Orientierung in der Adoleszenz &#8211; Gefahr und Ressource f\u00fcr die psychischer Stabilit\u00e4t\u201c<br>&gt; \u201eSexualit\u00e4t und Religion- Problemfeld, Tabu und Ressource\u201c<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Colloquien hinaus hat der AK Psychiatrie &amp; Religion von 2013 bis Anfang 2019 mit dem von der Lottostiftung Berlin teil-finanzierten <strong>PIRA-Projekt (Psychiatrie-Information-Religion-Austausch) <\/strong>Informationsveranstaltungen und Beratungen vor allem in muslimischen Gemeinden realisiert.<br>Das Thema des 12. Colloquiums lautete <strong>\u201eReligi\u00f6se Rituale, religi\u00f6se Musik und ihre psychotherapeutische Wirkung.\u201c<\/strong> Die Veranstalter z\u00e4hlten beachtliche 80 Anmeldungen, bedingt durch eine kurzfristige Umstellung der Teilnahme-Modalit\u00e4t auf 2G+ dann jedoch leider nur etwa halb so viele Teilnehmer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Norbert M\u00f6nter<\/strong>, Mitbegr\u00fcnder des Colloquiums, f\u00fchrte mit dem Hinweis, dass Rituale u.a. anthropologische, religi\u00f6se resp. religionswissenschaftliche und eben auch therapeutische Fragen ber\u00fchren, in das Thema ein. Rituale seien auch neurobiologisch von Interesse und menschheitsgeschichtlich stellten sie ein sehr fr\u00fches Ph\u00e4nomen dar und seien selbst bei unseren Artverwandten, den Schimpansen, bekannt.<br>Nach J\u00fcrgen Habermas z\u00e4hlten Rituale zum \u201eSakralen Komplex\u201c der fr\u00fchen Menschen; erst sp\u00e4ter fanden Rituale mit den Religionen ihre inhaltliche Begr\u00fcndung, ihr Narrativ und nat\u00fcrlich auch ihre immer weiter entwickelte Ausformung . Geboren sind Rituale wohl vorallem aus der kollektiven existentiellen Not und allgegenw\u00e4rtigen Bedrohung sowie der Konfrontation mit dem Tod und so finden sich Rituale an den gro\u00dfen Schicksals- und Wendepunkten des Lebens, bei Geburt, beim Erwachsenwerden, bei Heirat, Familiengr\u00fcndung und bei Tod in allen Gesellschaften und Religionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beitrag von <strong>Prof. Susanne G\u00f6dde<\/strong> vom gastgebenden Institut f\u00fcr Religionswissenschaft der FU Berlin, befasste sich dann mit den Ber\u00fchrungspunkten zwischen Medizin und Religion in der griechischen Antike. Gefragt wurde, inwieweit die strikte Trennung zwischen einer \u201amagischen\u2018 Tempelmedizin und der sich im Corpus Hippokratikum abzeichnenden\u201a wissenschaftlichen\u2019 Medizin aufrecht zu erhalten ist. Der Vortrag konzentrierte sich vor allem auf Beispiele von Heilung in den Kulten des Heilgottes Asklepios, in dem Patienten ihre Genesung w\u00e4hrend eines Traums \u2013  durch ein Inkubations-Ritual \u2013 erfuhren.<br>Heilungsberichte auf Stelen im Heiligtum von Epidauros zeugen von den wundersamen Ergebnissen dieser Therapieform, deren medizinische Logik uns heute weitgehend verschlossen bleiben muss. Eine Wasser-Schock-Therapie durch Asklepios, von der Aelius Aristides im 2. Jh. n. Chr. berichtet, wurde von vielen Teilnehmer*innen als aus heutiger Perspektive nicht v\u00f6llig irrational betrachtet: Der Gott setzt seinen Patienten einem Sturm zu Schiff aus, um die K\u00f6rpers\u00e4fte in Aufruhr zu bringen, und empfiehlt zus\u00e4tzlich, das Kentern mit einem kleinen Kahn zu inszenieren \u2013 offenbar eine g\u00fcnstige Voraussetzung f\u00fcr die Heilung.<br>Im zweiten Teil des Vortrags ging Susanne G\u00f6dde auf die Heilangebote umherziehender Wanderprediger ein, die f\u00fcr sich beanspruchten, ihre Klienten von psychischem Leid zu befreien. Dies geschah durch Opfer, Reinigungen, aber auch durch Musik und Tanz, und zwar in einer Intensit\u00e4t, f\u00fcr die Platon und Aristoteles bisweilen die Begrifflichkeiten des dionysischen Wahnsinns, der mania, verwenden. Dieses Modell \u00e4hnelt demjenigen, das im Hintergrund der katharsis-Theorie des Aristoteles steht, nach der die Trag\u00f6dien im Theater die Affekte der Zuschauer zun\u00e4chst steigern und im selben Zuge auch wieder beruhigen.<br>Der kurze \u00dcberblick und die Beispiele der auf die antike spezialisierten Religionswissenschaftlerin f\u00fchrte zu vielen interessierten Nachfragen und einer spannenden Diskussion \u00fcber den auch therapeutischen Wert des \u201eNicht \u2013Rationalen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau <strong>Prof. Dr. Christine Funk<\/strong> von der Katholischen Hochschule f\u00fcr Sozialwesen Berlin behandelte im Schwerpunkt ihres Beitrags zur Kultur \/ Soziologie des Rituals in den Religionen das zentralen Ritual in der christlichen Religion: die als Abendmahl oder Eucharistiefeier in den verschiedenen kirchlichen Traditionen mit unterschiedlichen Sinngebungen ausgedeutete Mahlzeit, elementarisiert in Brot und Wein. In einem kurzen biblischen R\u00fcckblick zeigte sie, dass Essen und Trinken in allen Teilen der Bibel als heilsbedeutsam f\u00fcr \u201eLeib und Seele\u201c aufgefasst wird.<br>In der Neuzeit, in der Zeit der kirchlichen Pluralisierung, wurden durch Lieder, die zunehmend von den Gl\u00e4ubigen in den Gottesdiensten und zur privaten Andacht gesungen wurden (und werden), das religi\u00f6se Expertentum gewisserma\u00dfen von den Gl\u00e4ubigen verinnerlicht. Indem mit den Liedern die Glaubensinhalte von Gl\u00e4ubigen (in den Muttersprachen, als Folge von Martin Luthers Bibel\u00fcbersetzung) individualisiert angeeignet werden, werden die gemeinschaftlichen Rituale wie die gottesdienstlichen Liturgien von der singenden Gemeinde mitgetragen, was in den Kirchen der Reformation mit dem ver\u00e4nderten Ritual-Verst\u00e4ndnis des Pfarrers, einherging. Im Singen an der Heilsbedeutung des Glaubens und der in ihm wirkenden \u201eGottverbundenheit\u201c (Gnade) zu partizipieren, ist ein Prozess der Selbstwirksamkeit. Diese wirkt nicht nur nach \u201einnen\u201c, im Menschen selbst, sondern ber\u00fchrt die Konstruktion der Wirklichkeit durch f\u00fchlen, denken, sprechen, tun insgesamt. Somit k\u00f6nne der Anspruch der christlichen Religion geradezu als \u201etherapeutisch\u201c aufgefasst werden: \u201eHeilt Kranke, weckt Tote auf, macht Auss\u00e4tzige rein, treibt D\u00e4monen aus\u201c (Mt 10,8). Relig\u00f6se Rituale, Musik und herapeutische Rituale geh\u00f6ren \u2013 so Christine Funk &#8211; offenbar aufs engste zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Dipl. Psych. Mohammad Tabatabai<\/strong>, aufgewachsen in Isfahan (Iran) und seit Jahren niedergelassen als Psychotherapeut in Wiesbaden, beschloss die Vortragsreihe mit einem konsequent die Ressourcen des Patienten beachtenden therapeutischen Blick auf die Funktion von Ritualen und Musik ab. Er stellte die in Bewegung, Ritual, Tanz und Musik wirkende enorme Ausdruckskraft von Gef\u00fchlen und Beziehungen sowie die damit einhergehende Sinnstiftungsfunktion in den Mittelpunkt seiner Ausf\u00fchrungen; in der Psychotherapie wie auch in der Spiritualit\u00e4t resp. im religi\u00f6sen Kontext gehe es zudem um das \u00dcber-sich-hinaus-Denken und eine Auseinandersetzung des Menschen mit dem Sein und der Wertfrage. Die Anwendung der Rituale in der psychotherapeutischen Arbeit k\u00f6nnen u.a. folgende Faktoren zur Entfaltung bringen: Hoffnung, Findung von Sinnhaftigkeit, Entwicklung einer positiven Ver\u00e4nderungserwartung und Eigenaktivierung. Im Trauerprozess tragen Rituale wesentlich zur Verarbeitung von Abschied und Verlust bei, \u00f6ffnen das Erleben f\u00fcr die Zeitdimension, in der wir alle leben. <\/p>\n\n\n\n<p>Tabatabai zeigte die heilende Funktion der Musik auf anhand von Beispielen aus dem Orient mit der Sufi-Lehre wie auch des fernen Ostens mit der tibetischen Trommel-Ritualmusik oder auch der im Atem sich manifestierenden Dynamik von Stille und Bewegung z.B. des Zen-Buddhismus. Stille und Ruhe wie rhythmische Bewegung und Musik bezeichnet Tabatabai als polare Aktionen zwischen Kontrolle und Spontanit\u00e4t allerdings mit \u00e4hnlicher Zielsetzung. Zusammenfassend sieht er in der westlichen Welt eine pr\u00e4gend rationale Betrachtungsweise im Vordergrund und Vernunft als ein Bewusstseinsquelle des Handelns, w\u00e4hrend in den \u00f6stliche Weltanschauungen st\u00e4rker die Ansicht vorherrscht, dass das menschliche Leben in Bereichen stattfindet, von denen wir mit unseren physischen Augen wenig sehen und wenig davon erfahren k\u00f6nnen. Musik stelle vielleicht ein Ritual und eine Br\u00fccke dar zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren; zusammen mit anderen Ritualen und Zeremonien diene sie der Integration vom K\u00f6rperlichen und Seelischen und Geistigen im Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der ausf\u00fchrlichen, sehr angeregten Diskussion wurden viele Vortragsaspekte vertieft mit Beitr\u00e4gen u.a. \u00fcber das stark ritualisiert praktizierte Judentum, die bemerkenswerte Aktualit\u00e4t der Rituale der Antike, das christliche Sakramentum mit seiner Symbolik, Gedanken zur Bedeutung der Bach\u2018schen Musik und der Einf\u00fchrung des Gesanges in den Gottesdienst, musik- und tanztherapeutische Konzepte bis hin zu Parallelisierungen zwischen der Sufi- Philosophie und dem Jazz insbesondere der religi\u00f6sen Gospel-Musik im Civil rights movement der USA und nicht zuletzt dem immer wieder durchscheinenden psychotherapeutischen Effekten von Ritual und Musik. Rituale, Musik und die Rhythmisierung sollten in ihrer anthropologischen wie therapeutischen Dimension gesehen werden. Nach \u00fcber 3 Stunden fand das Colloquium beim traditionellen Abschluss-Buffet dann mit den Gespr\u00e4chen in kleinen Runden seinen Ausklang.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Norbert M\u00f6nter<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 17.11.21 veranstaltete der Arbeitskreis Psychiatrie &#038; Religion des Vereins f\u00fcr Psychiatrie und seelische Gesundheit (vpsg) nun schon zum 12. Mal das Berliner psychiatrisch-religionswissenschaftliche Colloquium.<br \/>\nWie in den Vorjahren fand das Colloquium in Kooperation mit der Klinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie der Charit\u00e9 CM und dem Religionswissenschaftlichen Institut der Freien Universit\u00e4t wieder im gro\u00dfen H\u00f6rsaal der Freien Universit\u00e4t Berlin statt. Der AK R&#038;P f\u00fchrt Psychiatrie-Professionelle aus Praxis und Wissenschaft (auch aus der Seelsorge) wie<br \/>\nBetroffene und Angeh\u00f6rige psychisch Erkrankter und auch Religionswissenschaftler unter der Vorgabe eines \u201ePolyloges\u201c zusammen. 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